Heutzutage hat man sie nur noch selten – diese Spiele, bei denen man sich fragt, ob man nicht die Maximalwertung vergeben sollte. Dieses Mal haben wir uns dagegen entschieden, aber lasst euch nicht täuschen, liebe Rollenspiel-Fans! Für euch könnte Pillars of Eternity gut und gerne eine glatte 10/10 sein!

Mission … Possible!?

Wenn es sich ein Spiel in der Vergangenheit auf die Fahnen geschrieben hat, die legendäre Baldur’s Gate-Serie auf dem PC zu beerben, schien es von vornherein zum Scheitern verurteilt. Umso ehrgeiziger schien 2013 das Vorhaben von Obsidian Entertainment, die Fackel wieder zu entzünden und dem Rollenspielmarkt das zurückzugeben, was viele Fans verloren glaubten: Eine Seele.

Eine Kickstarterkampagne, über 70.000 Unterstützer und 4 Millionen Dollar später kann man konstatieren, dass Obsidian Wort gehalten und ein ziemliches Brett rausgehauen hat. Beim Thron des Baal, habt ihr abgeliefert.

Spoilerfrei in die Tiefe

Ein integraler Bestandteil der alten westlichen Rollenspiele ist die Story: Tiefgehend soll sie sein, Ecken und Wendungen haben, Geschwindigkeit aufnehmen aber dem Spieler auch Leine lassen, wenn er das wünscht. Dazu sollten die eigenen Grundfeste der Ethik und Moral ständig hinterfragt und geprüft werden, sodass man zu Entscheidungen gezwungen wird, die weder schwarz noch weiß sind, sodass man sich ständig fragt, was nun das Richtige ist.

Zu viel verlangt? Nicht von Pillars of Eternity! Die Autoren haben hier wirklich ein absolutes Meisterstück abgeliefert, von dem ich hier so wenig preisgeben möchte wie möglich. Nur so viel vielleicht: Seit dem Krieg sucht ein Fluch die Frauen des Landes heim und die Zahl von „Hohlgeburten“ steigt. Kinder, die ohne Seelen geboren werden und ihr Leben als leere Hüllen fristen. Linderung versprechen die Beseeler, die durch ihre teilweise recht gottlosen Praktiken versuchen, der Lage Herr zu werden. An dieser Stelle vielleicht ein kleines Beispiel, welche Arten von kleinen Geschichten euch begegnen werden: Ein Vater bekommt eine Tochter, die scheinbar ebenfalls ohne Seele geboren wurde. Einer der Beseeler implantiert ihr daraufhin die Seele eines Hundes, wodurch endlich ein Funke Leben in die Augen des Kindes huscht – es schaut ihre Eltern zum ersten Mal direkt an! Doch nur wenig später, frisst das Mädchen ihren Bruder und der Vater, der es nicht über sich bringt, das Kind zu töten, hält sie fortan im Stall angekettet und füttert sie einmal am Tag.

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Atmosphäre mit fantastischem Pinsel gemalt

Geschichten wie diese gibt es zuhauf in Pillars of Eternity (diese eine erinnert ein wenig an Full Metal Alchemist). Die Dialoge sind allesamt großartig geschrieben und solange es die Hauptquest oder die Begleiter betrifft auch (teilweise) vertont. So oder so wird man aber eine große Lust zu Lesen in sich tragen müssen, um bei diesem Spiel auf seine Kosten zu kommen. Texte kommen nicht nur in Unterredungen zum Tragen, sondern werden auch genutzt um Mimik, die Umgebung oder atmosphärische Details zu beschreiben. Immer wieder eingestreut sind geskriptete Interaktionen, die mit gezeichneten Bildern und Texten arbeiten, um etwa eine Felswand zu durchbrechen, bei denen wir dann beispielsweise wie in einem klassischen Pen&Paper Aktionen machen können, deren Gelingen von einem Wurf auf unsere Attribute abhängig sind.

Durch diesen Mix aus erzählerischen Stilmittel wird eine stimmige und sehr dichte Atmosphäre gewoben, die einen tief ins Spielgeschehen zieht und die eigene Fantasie anregt mal wieder mitzuspielen und sich nicht alles vorkauen zu lassen. Das klingt nach Arbeit wenn man es so niederschreibt, passiert aber tatsächlich so organisch, dass ihr es erst mitbekommt, wenn der große Zeiger mehrere Runden um die Uhr gerannt ist und vehement nach Aufmerksamkeit schreit.

Gut möglich, dass ihr das Gekrähe aber dennoch überhört. Mit zunehmender Spieldauer werden sich noch viele andere Stimmen in euch zu Wort melden. Pillars of Eternity streift nahezu jedes große Thema der Philosophie und Religion oder geht sogar direkt auf Konfrontationskurs – aber eben spielerisch und ohne den Rollenspieler zu verschrecken. An dieser Stelle noch einmal ein kräftiges Lob an die Autoren dieses Spiels. Wirklich ganz großes Tennis.

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Entscheidungen mit Konsequenzen

Denn die Entscheidungen, die man in den Dialogen und in Schlüsselmomenten der Story treffen wird, haben spürbares Gewicht und sind mehr als die klassischen Mass Effect „Bin ich gut oder böse“-Entscheidungen. Konsequenzen sind nicht immer abzusehen und können uns auch noch viele Stunden später ereilen. Manche fundamental, manche ändern nur in Nuancen den Handlungsverlauf. Hier werden echte und bedeutende Entscheidungen gefordert. Übrigens, habe ich schon die Autoren gelobt? Es sei an dieser Stelle noch einmal getan.

Das Abfeiern der Features und Elemente von Pillars of Eternity könnte gut und gerne noch seitenlang weitergehen, ohne dass ich auch nur ein Wort über die guten Kämpfe verlieren müsste.

Oldschool Kampfsystem

Aber natürlich sei das an dieser Stelle nachgeholt. Wer sich in den alten Infinity-Engine-Spielen seinerzeit bewegt hat, wird sich sofort heimisch fühlen. Stoßen die Charaktere, deren Geschicke man aus der obligatorischen isometrischen Perspektive leitet, auf einen Gegner, beginnt der Kampf. Über Mausklicks und eine optionale Pausenfunktion geben wir der Party Befehle, die diese dann umgehend umsetzt. Soweit so klassisch. Allerdings erweitert PoE das Althergebrachte noch durch Komfortfunktionen wie zum Beispiel die Vergleichsoption von Items, die man in zeitgenössischen Rollenspielen nicht mehr missen möchte. Wen das ständige Pausieren in den Kämpfen nervt, regelt einfach die Kampfgeschwindigkeit um 50% zurück und kann dennoch auf höheren Schwierigkeitsgraden bestehen, ohne ständig auf die Leertaste einhämmern zu müssen. Längere Laufwege können dafür im Gegenzug im Zeitraffer überwunden werden – toll!

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Die verschiedensten Klassen, aus der sich unsere Party potentiell zusammensetzen kann, sorgt für ein hohes Maß an taktischer Tiefe, wird Neulinge aber erst einmal überfahren. Ein Magier oder Priester auf Level 3 verfügt bereits über so viele – sinnvolle(!) – Zauber und Fähigkeiten, dass man schon erst einmal durchschnaufen und die Lesebrille zücken muss.

Ist ein Kampf gewonnen, geht es wie es sich gehört ans Aufleveln der Charaktere. Wer vor lauter Euphorie seine Lesebrille von der Nase geheadbangt hat, sollte sie nun lieber wieder vom Boden auflesen, denn auch hier hat man einiges zu lesen, abzuwägen und zu planen. Pillars of Eternity pflegt ein offenes Klassensystem. Bedeutet also, dass ihr eure Charaktere in hohem Maße individualisieren könnt, sodass ein Berserker in Stoffrobe oder ein Magier in Kettenhemd durchaus möglich und nicht zwangsläufig Ausdruck schlechter Ideen sind.

Fazit:

Über 1000 Wörter und man hat immer noch das Gefühl, nur noch mehr erzählen und teilen zu wollen. Aber ich denke meine Begeisterung um dieses junge Meisterwerk ist hinlänglich zu euch herübergeschwappt.

Rollenspieler müssen ohne Wenn und Aber einmal an diesen Titel Hand anlegen und selbst urteilen, ob sie sich auf diese Welt einlassen möchten oder nicht. Ich halte es für gut möglich, dass die Generation Dragon Age: Inquisition (auch ein sehr gutes Spiel!) vielleicht nicht mehr die Geduld besitzt für ein Pillars of Eternity, das viel Aufmerksamkeit verlangt aber dafür auch ein unerreichtes Maß an Belohnung ausschüttet. Das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt, der vom objektiven Standpunkt aus die 10 von 10 verhindert. Das Spiel ist nicht für Jeden gemacht.

Aber unter uns gesagt: Ich denke Obsidian ist mit Pillars of Eternity das perfekte Rollenspiel gelungen.

Update: Konsolenversion

Seit Ende August können auch die Besitzer einer PS4 oder einer Xbox One in den Genuß dieses Abenteuers kommen. 505 Games hat das Spiel als Complete Edition in den Handel gebracht und wie der Name schon vermuten lässt: neben dem Hauptspiel sind auch die beiden Add-Ons (The White March I & II) dabei.

Der Schritt vom PC auf die Konsolen hat hervorragend geklappt. Die Steuerung wurde bestmöglich umgesetzt und geht nach einer kurzen Eingewöhnung mit dem Gamepad gut von der Hand. Und auch die Texte und andere UI-Elemente lassen sich sehr gut lesen, so dass langen Sessions nichts im Wege steht.

Wer das Spiel auf dem PC noch nicht spielen konnte und sich auch nur ansatzweise für klassische RPGs interessiert, kann also bedenkenlos zur Konsolenversion greifen. 

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